Kantate von der Vergänglichkeit des Irdischen, Op. 72

Lyrics: Andreas Gryphius/Martin Opitz/Johann Klaj/Paul Fleming Music: Ernst Krenek Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun, Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret. Die Türme stehn in Glut, die Kirch’ ist umgekehret. Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, Die Jungfraun sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun, Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret. Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. Dreimal sind’s schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut, Von Leichen fast verstopft, sich langsam fortgedrungen. Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.
Ihr blinden Sterblichen, was zieht ihr und verreist nach beiden Indien? Was wagt ihr Seel’ und Geist für ihren Knecht, den Leib? Ihr holet Krieg und Streit, bringt aus der neuen Welt euch eine Welt von Leid. Ihr pflügt die wilde See, vergesset euer Land, sucht Gold, das eisern macht, und habt es bei der Hand. Hierher, Mensch! Die Natur, die Erde rufet dir: Wohin? Nach Gute. Bleib! Warum? Du hast es hier!
Hellglänzendes Silber, mit welchem sich gatten Der ästigen Linden weitstreifende Schatten, Deine sanft kühlende ruhige Lust Ist jedem bewusst. Es lispeln und wispeln die schlüpfrigen Bronnen. Von ihnen ist diese Begrünung geronnen. Sie schauern, betrauern und fürchten bereit Die schneeige Zeit.
Schöne Linde! Deine Rinde Nehm’ den Wunsch von meiner Hand: Kröne mit den sanften Schatten Diese saatbegrasten Matten, Stehe sicher vor dem Brand. Reißt die graue Zeit hier nieder Deine Brüder: Soll der Lenz diese Äst’ Jedes Jahr belauben wieder Und dich hegen wurzelfest.
Stelle deine Schlachten ein, Mars, und lerne milder sein. Tu die Waffen ab und sprich: Hin, Schwert! was beschwerst du mich?
Dieser Helm wird nütze sein, Dass die Schwalben nisten drein, Dass man, wenn der Frühling kümmt, Junge Vögel da vernimmt.
Und der brachen Erde Bauch Darf der Spieß und Degen auch: Doch dass sie sehn anders aus: Pflug und Spaten werden draus.
Tritt, was schädlich ist, beiseit! Hin, verdammte Pest und Streit! Weg ihr Sorgen, weg Gefahr, Jetzund kömmt ein neues Jahr!
Ich habe meine Zeit in heißer Angst verbracht: Dies lebenlose Leben Fällt, als ein Traum entweicht, Wenn sich die Nacht begeben Und nun der Mond erbleicht. Doch mich hat dieser Traum nur schreckensvoll gemacht.
Was nutzt der hohe Stand? Der Tod sieht den nicht an. Was nutzt mein Tun und Schreiben, Das die geschwinde Zeit Wird wie den Rauch zertreiben? O Mensch, o Eitelkeit! Was bist du als ein Strom, den niemand halten kann?
Jedoch was klag ich dir? Dir ist mein Leid erkannt! Was will ich dir entdecken, Was du viel besser weißt: Die Schmerzen, die mich schrecken, Die Wehmut, die mich beißt, Und dass ich meinem Ziel mit Winseln zugerannt.
Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn’ Und führt die Sterne auf. Der Menschen müde Scharen Verlassen Feld und Werk; wo Tier und Vögel waren, Trauert die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!
Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn. Gleichwie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren. Dies Leben kommt mir vor als eine Rennebahn.
Lass, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten, Lass mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten, Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir.
Lass, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen, Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen, So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.