Music: Ludwig van Beethoven
Wir haben hier ein ziemlich kleines Orchester.
Für die erste Sinfonie früher ein noch kleineres.
Das Radiosinfonieorchester Stuttgart hat 16 bis 18 erste Geigen.
Warum sind es dann heute Abend so wenig?
Nun, wir spielen die neuen Sinfonien in unterschiedlichen Zusammenstellungen.
Wobei wir mit der kleinsten beginnen.
Zur Zeit Beethovens hatte das Orchester der Wiener Oper acht erste Geigen.
Wie wir heute Abend in unserer ersten Sinfonie.
Manchmal hörte Beethoven die Sinfonien sogar in noch kleineren Besetzungen.
Vier oder fünf erste Violinen.
Aber diese große hier erachtete man als ideal für die viel kleineren Konzertsäle, die es damals in Europa gab.
Acht erste Violinen blieb die Standardgröße für Orchester bis zur Zeit von Brahms,
der auch der Ansicht war, dass sie eine perfekte Balance zwischen Holzbläsern und den Streichern.
Anfang des 19. Jahrhunderts, als man mehr Streicher zur Verfügung hatte, oft verdoppelte man die Holzbläser.
16 statt 8.
Anfang des 19. Jahrhunderts spielten die Musiker nur neue Musik, das heißt Musik ihrer eigenen Zeit.
Wie ich anfangs bereits erwähnt hatte, stand diese in Verbindung zum Tanz.
Und jeder Musiker in Wien spielte zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr bei Tanzveranstaltungen.
Dementsprechend war es für sie nicht sonderlich schwierig, sich an bestimmte einfache Regeln zu halten, die ihnen seit der Epoche des Barock überliefert worden waren.
Die sieben wichtigsten Tempoangaben, die auf italienische Gewohnheiten zurückgingen, waren:
Lento, das heißt langsam,
Largo, das heißt gedehnt, breit,
Adagio, das heißt ruhig, nicht langsam, aber ruhig,
Andante, das heißt gehend, nicht langsam,
Allegretto, ziemlich heiter,
Allegro, heiter,
Presto, schnell.
Die Übergänge zwischen diesen Tempi waren fließend.
Wenn man ein schnelles Andante hat, landete man beispielsweise bald in Allegretto.
Da Lento in der klassischen Musik praktisch nicht vorkommt, gibt es dementsprechend keinen wirklich langsamen Satz in Beethovens Sinfonien.
Diesbezüglich können wir umso sicherer sein, weil Beethoven ein Freund und Förderer des Erfinders des modernen Metronoms war, Johann Nepomuk Mälzel.
Kurz nachdem diese Maschine erfunden worden war, versah Beethoven 1817 seine ersten acht Sinfonien mit Metronomangaben
und erstellte diese für die Sätze der 9. Sinfonie, sobald er sie geschrieben hatte.
Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung unter Musikern sind diese Angaben völlig korrekt bei den ersten acht Sinfonien
und es gibt vermutlich nur zwei oder drei Fehler in der neunten.
Beethoven selbst hielt die Metronomangaben für äußerst wichtig in Bezug auf die zukünftige Interpretation seiner Musik.
Seltsamerweise ignorierten in der Zeit von 1850 bis 1950 viele Dirigenten Beethovens Wünsche völlig.
Und es entwickelte sich, zurückgehend auf die Spätromantik, eine Tradition, der zufolge die Sinfonien langsam und ehrerbietig gespielt werden sollten.
Sie haben bereits die erste Sinfonie gehört, die nach Beethovens eigenen Tempovorstellungen gespielt wurde.
Das war doch gar nicht so übel, oder?
Nun zur zweiten.
Sie beginnt im Adagio mit der Metronomangabe 84, das heißt 84 Achtelnoten pro Minute.
Wie Sie sehen, ist das nicht sonderlich langsam, aber wie gewöhnlich ausgesprochen geistreich.
Das Allegro con brio ist fix und flink mit hundert die Halbe.
Es ist sehr aufregend und voller Ereignisse, bei denen das Publikum gebannt mitgeht.
Genauso drollig wie die erste Sinfonie, aber vielleicht noch brillanter und origineller.
Der zweite Satz ist für moderne Dirigenten eher ein Rätsel, denn notiert sind drei Achtelnoten im Takt und Larghetto, also ziemlich gedehnt.
Wenn man nun als spätromantischer Dirigent nach dem Langsamen bei Beethoven sucht, schlägt man möglicherweise einen langsamen Dreiertakt in Larghetto.
Aber damals, 1801, bedeuteten drei Achtelnoten nicht drei Schläge, sondern einen Schlag pro Takt,
weil Achtelnoten keine unabhängigen Zahleinheiten waren, sondern in Gruppen vorkamen.
Hier besteht die Gruppe aus drei, und Beethovens Metronomangabe bestätigt, dass das Tempo für Achtelnoten ziemlich hoch ist, nämlich 92, nicht wirklich Larghetto, aber in Eins.
Man könnte am Anfang dieses anspruchsvollen Satzes drei Schläge in einem Takt zeigen, aber man sollte es als einen fühlen und man kann es auch so schlagen.
Nicht langsam, aber sehr angenehm und typisch Klassik.
Seinen dritten Satz nennt Beethoven Scherzo.
Er ist mit Sicherheit schneller als Haydns und Mozarts alte Menuette, aber das Menuett war nicht so einfach.
Beethovens Metronom ist auch hier nützlich, weil es genau zeigt, welches Tempo man anschlagen muss, zumal er nicht in drei Achteln hier, sondern in drei Viertelnoten notiert ist.
Also hier ein Schlag pro Takt sicher.
Es wimmelt von den üblichen Scherzos, wie etwa in dem ausgelassenen Finale.
Bei Allegro molto alla breve, oder zwei in einem Takt, ist eine Metronomangabe von 152, die Halbe, nicht gerade überraschend.
Aber es ist doch ganz schön schnell.
Wir wollen dabei etwas Gas geben.
Und hier nun besten Dank an Maria Makraki, die die Musikbeispiele dirigiert hat.