Zwei Vaterunser bet´ ich vor dem Schlafengeh n (Tiefland)

Zwei Vaterunser bet ich vor dem Schlafengehn, das erste bet ich für die Eltern, ich kannt sie nie. Doch oben rechts und links von Gottes Thron, da stehen beide wachend über mich. Das zweite Vaterunser aber, das geht den lieben Herrgott selber an. Ich bitt ihn jede Nacht, daß er ein Weib dem Pedro schenke. Ein Weib! Haha! Kennst du die Weiber? Hast du schon mal ein Weib gesehn? Gesprochen? Noch nicht. Wie käme hier herauf ein Weib? Von ferne seh ich sie einmal im Jahre nur, wenn ich ins Tal hinab zur Kirche geh. Ich denk mir aber, daß wenn Gott nur will, ich auch einmal zu einem Weibe kommen werde. Hahaha! Darüber lacht man nicht. Ich mein es ernst Wie ich nun gestern abend in der Hütte liege und mit dem ersten Vaterunser fertig bin, fang ich das zweite an. Doch nach dem ersten Worte schlaf ich ein, und das Gebet bleibt mir im Munde liegen. Im Traume seh ich, wie mit einem Mal die Herde in die Tiefe flüchtet. Ich lauf ihr nach und nehm einen Stein auf meine Schleuder, werf ihn nach vorn, damit die Tiere stehen bleiben. Der Stein fällt in den See von Roccabruna, das Wasser siedet auf und wallt, als wär der See ein Kochtopf. Aus Dampf und Wellen ballt es sich zusammen, wie eine Wolke steigt es aus dem See empor. Ein leuchtendes Gewand, ein weißer Arm, ein Kopf mit langem blonden Haar die Hexe, schrei ich auf, die Felsenhexe! Doch nein! So schön kann eine Hexe doch nicht sein. Und plötzlich wird der wilde See ein Spiegel, und die Gestalt kommt übers Wasser her und auf mich zu. Sie war so schön, ich kann dir's nicht beschreiben. Und wie sie ging, da neigten sich die Bäume, da dufteten die Blumen stärker, und die Vögel sangen, wie ich's nie gehört. Es war ein Jubeln, daß die Berge dröhnten, und das die ganze Welt zu füllen schien. Und die Erscheinung lächelte und kam zu mir ganz nah heran Da kniet ich vor ihr nieder und sprach mein zweites Vaterunser nun zu Ende. Nun weiß ich auch, wer die Erscheinung war: die Mutter Gottes kam zu mir im Traum, um mir zu sagen, daß der liebe Gott mir Weib und Glück bescheren will. Du glaubst am Ende, Weib und Glück sind eins? Ich aber sage dir, daß zwischen beiden ein Stückchen Himmel und die ganze Hölle liegt. Das wirst du auch noch lernen! Dessen sei gewiß. Wenn ich nur wüßte, aus welcher Gegend sie wohl kommen wird? Paß auf: da leg ich einen Stein auf meine Schleuder und schwinge sie im Kreis! Die Augen hab ich zu. Wohin der Stein jetzt fällt, das ist der Weg, den sie wohl kommen wird. Verfluchte Kerle, seht ihr nicht, daß Menschen kommen? Beinah hätt mich der Kieselstein getroffen. Es kommt Besuch! Was kümmert's mich! Zu mir kommt niemand Der Herr ist es! Herr Sebastiano! Kennst du den Herren nicht? So weit du schaust ist alles sein. Die Wiesen, Matten, Felder, die Herden, Hütten, Wald und Fluß, das Dorf da unten und die Mühle, alles was du dir denken kannst, ist sein. In seinem Dienste stehn wir alle, alle, die Hirten oben und die Hirten unten. Der mit ihm geht, das ist der Älteste aus unserm Dorfe. Neunzig Jahre trägt Tommaso schon  auf seinem Buckel. Zu meiner Hütte geh ich. Wollen die etwas von mir, so sollen sie mich holen. Und mit den beiden geht, ich irre nicht,  ein Frauenzimmer. Was soll das bedeuten? Am Ende hält der Herrgott Wort und schickt ein Weibchen für den Pedro.