Elektra, Op. 58, TrV 223: Wo bleibt Elektra? (First, Second, Third, Fourth, Fifth Maid Servant, The Overseer)

Lyrics: Hugo von Hofmannsthal Music: Richard Strauss "Erste Magd Wo bleibt Elektra? Zweite Magd Ist doch ihre Stunde, die Stunde, wo sie um den Vater heult, daß alle Wände schallen. (Elektra kommt aus der schon dunkelnden Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um.) (Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.) Erste Magd Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah? Zweite Magd Giftig, wie eine wilde Katze. Dritte Magd Neulich lag sie da und stöhnte ... Erste Magd Immer, wenn die Sonne tief steht, liegt sie und stöhnt. Dritte Magd Da gingen wir zu zweit und kamen ihr zu nah – Erste Magd sie hält’s nicht aus, wenn man sie ansieht. Dritte Magd Ja, wir kamen ihr zu nah: Da pfauchte sie wie eine Katze uns an. “Fort, Fliegen!” schrie sie, “fort!” Vierte Magd “Schmeißfliegen, fort!” Dritte Magd “Sitzt nicht auf meinen Wunden!” und schlug nach uns mit einem Strohwisch. Vierte Magd “Schmeißfliegen, fort!” Dritte Magd “Ihr sollt das Süße nicht abweiden von der Qual. Ihr sollt nicht schmatzen nach meiner KrämpfeSchaum.” Vierte Magd “Geht ab, verkriecht euch,” schrie sie uns nach: “Eßt Fettes, und eßt Süßes, und geht zu Bett mit euren Männern,” schrie sie, und die, – Dritte Magd Ich war nicht faul ... Vierte Magd die gab ihr Antwort! Dritte Magd “Ja, wenn du hungrig bist,” gab ich zur Antwort, “so ißt du auch!” Da sprang sie auf und schoß gräßliche Blicke, reckte ihre Finger wie Krallen gegen uns und schrie: “Ich füttre mir einen Geier auf im Leib!” Zweite Magd Und du? Dritte Magd “Drum hockst du immerfort,” gab ich zurück, “wo Aasgeruch dich hält, und scharrst nach einer alten Leiche.” Zweite Magd Und was sagte sie da? Dritte Magd Sie heulte nur und warf sich in ihren Winkel. Erste Magd Daß die Königin solch einen Dämon frei in Haus und Hof sein Wesen treiben läßt. Zweite Magd Das eigne Kind! Erste Magd Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! – sie unter Schloß und Riegel! Vierte Magd Sind sie dir nicht hart genug mit ihr? Setzt man ihr nicht den Napf mit Essen zu den Hunden? Hast du den Herrn nie sie schlagen sehn? Fünfte Magd (ganz jung, mit zitternder, erregter Stimme) Ich will vor ihr mich niederwerfen und die Füße ihr küssen. Ist sie nicht ein Königskind und duldet solche Schmach! Ich will die Füße ihr salben und mit meinem Haar sie trocknen. Die Aufseherin (stößt sie) Hinein mit dir! Fünfte Magd Es gibt nichts auf der Welt, das königlicher ist als sie. Sie liegt in Lumpen auf der Schwelle, aber Niemand, Niemand ist hier im Haus, der ihren Blick aushält! Die Aufseherin (stößt sie in die offene niedrige Tür links vorne) Hinein! Fünfte Magd (in die Tür geklemmt) Ihr alle seid nicht wert, die Luft zu atmen, die sie atmet! O, könnt’ ich euch alle, euch, erhängt am Halse, in einer Scheuer Dunkel hängen sehn um dessen willen, was ihr an Elektra getan. Die Aufseherin (schlägt die Tür zu) Hört ihr das? Wir, an Elektra, die ihren Napf von unserm Tische stieß, als man mit uns sie essen hieß, die ausspie vor uns und Hündinnen uns nannte. Erste Magd “Was?” sie sagte: “Keinen Hund kann man erniedern, wozu man uns hat abgerichtet: Daß wir mit Wasser und mit immer frischem Wasser das ewige Blut des Mordes von der Diele abspülen –” Dritte Magd “und die Schmach,” so sagte sie, “die Schmach, die sich bei Tag und Nacht erneut, in Winkel fegen.” Erste Magd “Unser Leib,” so schreit sie, “starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind.” Die Aufseherin Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht, so schreit sie: “Nichts kann so verflucht sein, nichts, als Kinder, die wir hündisch auf der Treppe im Blute glitschernd, hier in diesem Hause empfangen und geboren haben.” Sagt sie das oder nicht? Erste, Zweite, Dritte und Vierte Magd Ja, ja! Die Aufseherin Sagt sie das oder nicht? Erste, Zweite, Dritte und Vierte Magd Ja, ja. Fünfte Magd Sie schlagen mich."