Lyrics: Hugo von Hofmannsthal
Music: Richard Strauss
"Erste Magd
Wo bleibt Elektra?
Zweite Magd
Ist doch ihre Stunde,
die Stunde, wo sie um den Vater heult,
daß alle Wände schallen.
(Elektra kommt aus der schon dunkelnden
Hausflur gelaufen. Alle drehen sich nach ihr um.)
(Elektra springt zurück wie ein Tier in seinen
Schlupfwinkel, den einen Arm vor dem Gesicht.)
Erste Magd
Habt ihr gesehn, wie sie uns ansah?
Zweite Magd
Giftig, wie eine wilde Katze.
Dritte Magd
Neulich lag sie da und stöhnte ...
Erste Magd
Immer, wenn die Sonne tief steht, liegt sie und
stöhnt.
Dritte Magd
Da gingen wir zu zweit und kamen ihr zu nah –
Erste Magd
sie hält’s nicht aus, wenn man sie ansieht.
Dritte Magd
Ja, wir kamen ihr zu nah: Da pfauchte sie wie
eine Katze uns an. “Fort, Fliegen!” schrie sie, “fort!”
Vierte Magd
“Schmeißfliegen, fort!”
Dritte Magd
“Sitzt nicht auf meinen Wunden!”
und schlug nach uns mit einem Strohwisch.
Vierte Magd
“Schmeißfliegen, fort!”
Dritte Magd
“Ihr sollt das Süße nicht abweiden von der Qual.
Ihr sollt nicht schmatzen nach meiner KrämpfeSchaum.”
Vierte Magd
“Geht ab, verkriecht euch,” schrie sie uns nach:
“Eßt Fettes, und eßt Süßes, und geht zu Bett mit
euren Männern,” schrie sie, und die, –
Dritte Magd
Ich war nicht faul ...
Vierte Magd
die gab ihr Antwort!
Dritte Magd
“Ja, wenn du hungrig bist,” gab ich zur Antwort,
“so ißt du auch!”
Da sprang sie auf und schoß gräßliche Blicke,
reckte ihre Finger wie Krallen gegen uns und
schrie:
“Ich füttre mir einen Geier auf im Leib!”
Zweite Magd
Und du?
Dritte Magd
“Drum hockst du immerfort,” gab ich zurück,
“wo Aasgeruch dich hält, und scharrst nach einer
alten Leiche.”
Zweite Magd
Und was sagte sie da?
Dritte Magd
Sie heulte nur und warf sich in ihren Winkel.
Erste Magd
Daß die Königin solch einen Dämon frei in
Haus und Hof sein Wesen treiben läßt.
Zweite Magd
Das eigne Kind!
Erste Magd
Wär’ sie mein Kind, ich hielte, ich – bei Gott! –
sie unter Schloß und Riegel!
Vierte Magd
Sind sie dir nicht hart genug mit ihr? Setzt man
ihr nicht den Napf mit Essen zu den Hunden?
Hast du den Herrn nie sie schlagen sehn?
Fünfte Magd (ganz jung, mit zitternder, erregter
Stimme)
Ich will vor ihr mich niederwerfen und die Füße
ihr küssen.
Ist sie nicht ein Königskind und duldet solche
Schmach! Ich will die Füße ihr salben und mit
meinem Haar sie trocknen.
Die Aufseherin (stößt sie)
Hinein mit dir!
Fünfte Magd
Es gibt nichts auf der Welt, das königlicher ist
als sie. Sie liegt in Lumpen auf der Schwelle, aber
Niemand, Niemand ist hier im Haus, der ihren
Blick aushält!
Die Aufseherin (stößt sie in die offene niedrige
Tür links vorne)
Hinein!
Fünfte Magd (in die Tür geklemmt)
Ihr alle seid nicht wert, die Luft zu atmen, die sie
atmet! O, könnt’ ich euch alle, euch, erhängt am
Halse, in einer Scheuer Dunkel hängen sehn um
dessen willen, was ihr an Elektra getan.
Die Aufseherin (schlägt die Tür zu)
Hört ihr das? Wir, an Elektra, die ihren Napf
von unserm Tische stieß, als man mit uns sie
essen hieß, die ausspie vor uns und Hündinnen
uns nannte.
Erste Magd
“Was?” sie sagte: “Keinen Hund kann man
erniedern, wozu man uns hat abgerichtet:
Daß wir mit Wasser und mit immer frischem
Wasser das ewige Blut des Mordes von der Diele
abspülen –”
Dritte Magd
“und die Schmach,” so sagte sie, “die Schmach,
die sich bei Tag und Nacht erneut, in Winkel
fegen.”
Erste Magd
“Unser Leib,” so schreit sie, “starrt von dem Unrat, dem wir dienstbar sind.”
Die Aufseherin
Und wenn sie uns mit unsern Kindern sieht,
so schreit sie: “Nichts kann so verflucht sein,
nichts, als Kinder, die wir hündisch auf der
Treppe im Blute glitschernd, hier in diesem
Hause empfangen und geboren haben.” Sagt sie das oder nicht?
Erste, Zweite, Dritte und Vierte Magd
Ja, ja!
Die Aufseherin
Sagt sie das oder nicht?
Erste, Zweite, Dritte und Vierte Magd
Ja, ja.
Fünfte Magd
Sie schlagen mich."